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Rolland, Jean-Christophe

Hymnus auf Beethoven
im
Ledermosaik-Einband
der Bibliothek Gutekunst

Rolland, Romain. Jean-Christophe. Nouvelle Édition. 4 Bde. Mit Noten-Abbildung eines Chansons u. drei 1-2zeil. weiteren. Paris, Ollendorff, (1921). 21,2 × 15,8 cm (8⅜ × 6¼ in). Dunkelrote Ledermosaik-Meister-Einbände d. Zt. auf drei verdeckten Bünden mit incl. Rücken mitgeb. Orig.-Umschlägen, deren vorderer in Rotbraun + Schwarz. Kopfgoldschnitt. 2seits unbeschnitten.

Geprüfte Kollation: 3 nn. Bll. Titelei, IV, 455, 1 SS.; 3 nn. Bll. Titelei, 541 SS.; 3 nn. Bll. Titelei, 495 SS.; 3 nn. Bll. Titelei, 411, 1 SS.

Jean-Antoine de Baïf, Chanson

Das Chanson mit den Versen Le diamant dur je suis und Come le Fenix je suis von Jean-Antoine de Baïf (Venedig 1532 – Paris 1589), komponiert und 1586 von Jacques Mauduit (1557 Paris 1627) in den Chansonnettes mesurée de Jean-Antoine de Baïf veröffentlicht. Ersterer Initiator und Mitbegründer, letzterer ab 1581 musikalischer Leiter der Académie de musique et de poésie, jener Geheimgesellschaft unter der Protektion von Charles IX., die die altgriechische Metrik in der zeitgenössischen französischen Dichtung und Musik wiederzubeleben suchte.

Rolland, Jean-Christophe / Impressum

Nr. 90/300 Exemplaren auf van Gelder Zoonen (Gesamtauflage 315 Explre.). – Mit Doggenkopf-Exlibris

EX BIBLIOTHECA GUTEKUNST

nebst hs. 2602(-05) in der Bestands-Zeile. – Rücken von Bd. I zu Rotbraun aufgehellt und solchermaßen oben in 4 × ca. 8 cm (1⅝ × 3⅛ in, maximal) breitem Streifen in den Rückdeckel auslaufend.

Als Folge früheren Schutzumschlages in Bd. I + III das dem vorderen Vorsatz nächstfolgende weiße Blatt an der Außenkante mit 3 cm breitem leicht lichtschattigen/verfärbten Längsstreifen und das des 3. Bandes zudem mit vier auf die Rückseite durchschlagenden schwachen kleinen Stockfleck(ch)en. Nur in diesem Bd. denn auch die weiße Rückseite des hinteren Vorsatzes entsprechend leicht streifig, während das nächstfolgende weiße Blatt den Streifen gleichfalls, doch eindeutig bräunlich aufweist. Sonst von absoluter Frische.

Vgl. Loubier, Der Bucheinband in alter und neuer Zeit, 2. Taus. (1. T. 1903), Seiten 177 f. nebst Abb. 187:

„ Einband von W. Collin in Berlin. Entworfen von Peter Behrens (Hbg. 1868 – Bln. 1940) … Der von Peter Behrens entworfene, von Collin ausgeführte Ledermosaikband Abb. 187 ist von feinem Reiz in der Linie und von grosser Farbenschönheit. “

Gleichwohl in seiner Gesamtkomposition sichtbar hinter hiesigem zurückbleibend :

Rolland, Jean-Christophe / Vorderdeckel

Von Goldfilete eingefaßte rückenübergreifende und diesem zugewandte

goldgeprägt strahlende Schwingungslinien

als Innen- und Mittelteil-Dominante korrespondieren mit von außen nach innen sich verjüngenden unterschiedlich breiten

farbleuchtenden intarsierten Schwingungsbändern

verschiedenfarbigen Leders im Wechsel von oben nach unten Senfgelb – hellem Rotbraun – Blau – hellem Rotbraun – Senfgelb – Senfgelb – hellem Rotbraun – Blau – hellem Rotbraun – Senfgelb , jeweils unterbrochen vom unterschiedlich breiten Dunkelrot des Deckelbezuges . Dabei Rotbraun sich mit dem nächsten Rotbraun in der Spitze vereinend.

Die Einfassungsfilete in Deckelmitte und oben + unten des Rückens unterbrochen von jeweils vier sich nach innen verjüngenden waag- bzw. senkrecht goldgeprägten Punkten, ober- und unterhalb der äußersten der Deckelmitte nochmals jeweils ein Punkt, woraus sich vier waagrecht liegende und drei senkrecht stehende ergeben. Viermal drei Punkte unterbrechen auch die geprägte Goldlinie des ovalen blauen Rückenschildchens R. ROLLAND / JEAN / CHRISTOPHE / I (bis IV).

Die Kapitalkanten goldgeprägt mit I II I II I II I . Die Kapitalbänder mit acht orangefarbenen Einfassungen. Die Steh- + Querkanten mit Einfach-, die Innenkanten mit spiegeleinfassender Dreifachfilete, deren mittlere breiter ist.

Rolland, Jean-Christophe / Vorderer Innenspiegel + Vorsatz
Innenspiegel und vorderer Vorsatz von Bd. III

Die in changierenden gedämpften Farben in Wolkenmarmor gearbeiteten, sich samten anfühlenden Spiegel und Recto-Vorsatzseiten schließlich in ihren

unikat handgefertigten acht variierenden

Stimmungs-Nuancen

ein von Goldpünktchen und Goldbändern durchsetztes Firmament ,

ein Rausch , ein Traum , Innenwelt als Gegenpol des Außenscheins .

Die eine wie der andere unerhörte Widerspiegelung des Inhalts ,

kreierend erst das Gesamtkunstwerk sui generis. Siehe auch entsprechende Heraushebungen auf den Beispieltafeln 6-9 von Paul Kersten’s (Breslauer Meister-Binder) Der exakte Bucheinband, 4. Aufl., 1923.

Rolland, Jean-Christophe / Cover

In dessen hiesigem Johann Christof Krafft,

den Mehrbänder (erschienen erstmals von Februar 1904 bis Oktober 1912 in den Cahiers de la Quinzaine) offenbar nicht gelesen habende und voneinander abschreibende Philologen lediglich bald einen „fiktiven deutschen Komponisten“ (dt. Wikipedia 4. 7. 2017), bald jemanden, der „in einigen Zügen seines Wesens an Beethoven (gemahnt)“ (Laaths, Geschichte der Weltliteratur, 1953) sehen. Und Susanne Igler gedenkt zwar des „flämisch-deutschen Komponisten“, ohne indes auch nur die entfernteste Verbindung zu Beethoven zu ziehen (Metzler Lexikon Weltliteratur, Bd. III [2016], S. 154), wo doch der Hinweise viele sind:

Zum Auftakt gleich „Das Murmeln des Flusses raunte hinter dem Hause empor“ und der Großvater begrüßt den Neugeborenen mit den Worten „Wie häßlich er ist!“. Und später dann „… und alle die, welche Veranlassung zu haben meinten, gegen Christof eingenommen zu sein … ließen es sich nicht entgehen, daran zu erinnern, daß er in der Tat kein reiner Deutscher sei. Seine väterliche Familie war – man wird sich dessen entsinnen – flandrischen Ursprungs.“ Und darf künstlerische Freiheit die in Bonn sterbende Mutter nicht noch lebend antreffen lassen, wie’s doch Ludwig van nicht mehr vergönnt war? Und ist vom Wiener Sterbebett ein „Die Komödie ist zu Ende“ überliefert, ist’s in Paris die „Tragikomödie“. Und weiter

„ Die Wonnen und Prüfungen der Freundschaft, die das im Kampfe vereinsamte Herz der großen Menschheitsfamilie wieder zuführt … Das Murmeln des Flusses raunt hinter dem Hause empor … Christof sieht sich wieder, wie er am Treppenfenster lehnt. Sein ganzes Leben fließt vor seinen Augen dahin, gleich dem Rhein … Und Christof … sah, wie der aus seinen Ufern tretende Strom die Felder bedeckte und sich erhaben, langsam, fast reglos dahinwälzte “ (jeweils Übersetzung Grautoff).

Unmißverständlich schließlich Romain Rolland selbst, der das Werk bereits 1890 in Rom konzipiert und 1903 unmittelbar nach Veröffentlichung seiner Biographie Vie de Beethoven mit der Arbeit daran begonnen hatte, per Brief vom 13. September 1902 an Malwida von Meysenbug (Choix de lettres à Malwida von Meysenbug, Cahier I [2012], S. 313):

„ Mein Roman ist die Geschichte eines Lebens, von der Geburt bis zum Tode. Mein Protagonist ist ein großer deutscher Musiker, der im Alter von 16-18 Jahren durch die Umstände gezwungen ist, außerhalb Deutschlands, in Paris, in Italien, in der Schweiz etc. zu leben. Der Schauplatz ist das heutige Europa … Kurz und gut,

der Protagonist ist Beethoven in der heutigen Welt …

Ich ersuche Sie, von all diesem zu niemandem zu sprechen … Bewahren Sie mir daher absolute Verschwiegenheit: Es ist für Sie allein … “

Es wird weitere sieben Jahrzehnte brauchen, bevor der ostdeutsche Regisseur Horst Seemann Rolland aufgreifen und Beethoven in der 1976er DEFA-Produktion Beethoven — Tage aus einem Leben mitten im Gegenwartsverkehr hinter seinem alten Umzugswagen hergehen lassen wird.

Rolland, Jean-Christophe, Hinterer Innenspiegel + Vorsatz
Innenspiegel und hinterer Vorsatz von Bd. I

Verkündet erst im November 1916, erhielt Romain Rolland den Nobelpreis für Literatur 1915 „in Würdigung des erhabenen Idealismus seines literarischen Werks und der Sympathie und Wahrheitsliebe, mit der er die verschiedenen Menschentypen zeichnet“, eine Begründung, die denn auch ganz besonders diesen epischen roman-fleuve beschreibt:

„ Romain Rollands Meisterwerk ,

für das er den Nobelpreis für Literatur 1915 erhalten hat ,

ist Johann Christof …

„ es erreicht eine neue musikalische Ästhetik; es enthält soziologische, politische und ethnologische, biologische, literarische und künstlerische Betrachtungen und Urteile von oft höchstem Interesse. Die künstlerische Persönlichkeit, die in Johann Christof offenbart wird, ist von seltener Bestimmtheit und moralischer Struktur …

„ Die Charakterstudie des Johann Christof ist eine geniale Schöpfung

von erstaunlicher Spontanität und Eigenständigkeit

in jedem Zug , jeder Bewegung , jedem Gedanken .

„ Um diese zentrale, monumentale Figur finden wir eine ganze Reihe von Charakteren von großem menschlichen Interesse. Rollands Beobachtung ist genau und tiefgründig. Er durchdringt die Tiefen der Personen, die er beschreibt; er studiert ihre Charaktere und zeichnet ihre Seelen mit unvergleichlicher psychologischer Kunst. Besonders seine Frauenportraits sind Meisterstücke. Seine Charaktere kommen aus allen Gesellschaftsschichten und sind erstaunlich wahrhaftig … “

(Sven Söderman, Biographical-Critical Essay, Präsentation des Nobelpreises für Literatur 1915 [1916]).

Bereits 1905 wurde Rolland für Jean-Christophe der Prix La Vie heureuse (seit 1922 Prix Femina), erst im Vorjahr von der ausschließlich weiblichen Redaktion des gleichnamigen französischen Magazins in Reaktion auf den Prix Goncourt geschaffen, zugesprochen. Und ein Jahrhundert später rühmt die Encyclopædia Britannica

„ Rollands Meisterwerk, Jean-Christophe, ist einer der längsten jemals geschriebenen großen Romane und ein Paradebeispiel für den roman-fleuve (ein langer, mehrbändiger Romanzyklus) in Frankreich … Der Protagonist des Romans, Jean-Christophe Krafft, ist ein Komponist von deutscher Herkunft – geformt teils nach Ludwig van Beethoven und teils nach Rolland selbst (doch ausdrücklich nur intellektuell, in persona fände sie ihn in einer Nebenrolle, so dieser an Malwida von Meysenbug, s. o.) – , der, ungeachtet von Entmutigung und den Spannungen seiner eigenen stürmischen Persönlichkeit, von der Liebe zum Leben inspiriert wird “

(Encyclopædia Britannica Online, 17. Juli 2017).

Rolland, Jean-Christophe

„ Ledermosaik

entsteht entweder durch Auflegen feinst ausgeschärfter, farbiger Lederstückchen auf das Überzugsleder (Lederauflage) oder (wie hier)

als Mosaik im eigentlichen Sinn durch Einlegen in den Konturen

sorgfältigst gegeneinander abgepaßter , gleich dicker Lederstücke

in die Gesamtschmuckfläche (Ledereinlage oder -intarsia) … Auch im 19. Jhdt. war die Technik unter den virtuosen franz. Meistern noch sehr beliebt “

(Heinrich Schreiber in Löffler-Kirchner, Lexikon des Gesamten Buchwesens, II [1936], 303 f.).

Und weiterführend in die für die Buch- und Einbandkunst so fruchtbaren ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, wie von anstehendem Exemplar der Bibliothek Gutekunst

in seinem Reichtum und seiner letzten Harmonie von Text und Gewand

so bewunderungswürdig belegt .

Unter den in neuerer Zeit auf den Markt zurückgelangten Beständen exlibris-sinnigerweise auch Ash’s 1927er Dogs. Their history and development als Nr. 3/50 der Luxus-Ausgabe in Schweinsleder. Und die hier gesicherte Bestands-Nummer 8205 für eine juristische Inkunabel wirft ein Schlaglicht auf die Importanz dieser in der Stille gewachsenen Bibliothek, auf ihre Bandbreite und ihre Schönheit. Deren Jean-Christophe gewidmet

„ Aux Ames Libres , de toutes les Nations ,

qui souffrent , qui luttent , et qui vaincront “

( „ Den freien Seelen aller Nationen ,

die da leiden , die da kämpfen , und die siegen werden “

[ Grautoff-Übersetzung ] )

Beethoven war eine ihrer reinsten

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Rolland, Jean-Christophe, Hinterer Innenspiegel + Vorsatz
Innenspiegel und hinterer Vorsatz von Bd. III

Die Rote Serie - eine creation von lüder h. niemeyer Die Rote Serie - eine creation von lüder h. niemeyer